„Eine Idee gewinnt Konturen“ war das Motto des 1. Jahresforums von HESSENCAMPUS, der Initiative zum Aufbau von regionalen Zentren lebensbegleitenden Lernens. Schon wenige Monate nach dem offiziellen Start der gemeinsamen Entwicklungspartnerschaft zwischen dem Hessischen Kultusministerium und acht hessischen Regionen Ende Januar 2007 war eingeladen worden, um den Stand und die Perspektiven des Projekts zu erläutern und vor allem zu erörtern.
Die Einladung ins Bildungszentrum Ostend nach Frankfurt fand große Resonanz: ca. 350 Personen aus Politik, Verwaltung und Verbänden, aus verschiedensten Bildungseinrichtungen, aus den acht regionalen Initiativen selbst sowie aus vielen weiteren Regionen nahmen am Plenum und den drei Foren teil. Das große Interesse machte möglich, was gewünscht war: der Dialog zwischen dieser neuen Bildungsinitiative und der breiten und differenzierten hessischen Landschaft der Erwachsenenbildung, in die die Zentren eintreten werden und ihre Rolle finden sollen.
Zu Beginn der Tagung hob Kultusministerin Karin Wolff hervor, dass sich die Initiative HESSENCAMPUS in einen breiten Fächer von Aktivitäten einordnet, aber auch neue Antworten auf die wachsende Bedeutung von Bildung im gesamten Lebenslauf geben will. Das Erwachsenenlernen, das im Mittelpunkt der Zentrumsinitiative stehe, sei ein biografisch und gesellschaftlich immer wichtiger werdender Abschnitt des Lebensbegleitenden Lernens.
Die Ministerin betonte, dass mit der Entwicklungspartnerschaft zwischen Land und Regionen ein neuer Weg beschritten werde, den Regionen den notwendigen Spielraum zu geben, die Zentren an den jeweiligen örtlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen auszurichten, ohne landesweite Gemeinsamkeiten aufzugeben. So würden die Zentren ein deutliches regionales Profil erhalten, blieben aber zugleich typisch hessisch.
Die Oberbürgermeisterin Petra Roth begrüßte die Gäste am Standort einer der acht Initiativen und hob hervor, welche große Bedeutung Bildungspolitik in der Stadt Frankfurt am Main der Bildungspolitik und insbesondere der beruflichen Bildung hat.
Ministerpräsident Roland Koch wies in seiner Rede darauf hin, dass Lebensbegleitendes Lernen in seiner herausgehobenen Bedeutung für den Einzelnen, aber auch für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes angesichts Globalisierung und demographischer Entwicklung noch immer unterschätzt werde. Kaum jemand könne noch davon ausgehen, das ganze Berufsleben in einer gleichartigen Beschäftigung zu verbringen. Angesichts dieser Entwicklung sei es dringlich, die Teilnahmequoten an Bildung und Qualifizierung nach Abschluss der Schulzeit zu erhöhen und hierfür die Voraussetzungen zu schaffen, insbesondere was Zugänglichkeit, Transparenz und Qualität der Angebote betreffe.
In diesen Zusammenhang sei die Initiative HESSENCAMPUS einzuordnen, und daher müsse ihr höchste Priorität in der Entwicklung des Bildungswesens zugemessen werden. Zentren seien so etwas wie regionale Bildungsplattformen, sie stünden unter der Erwartung, einerseits die Ressourcen so zu bündeln, dass mit dem Geld der Steuerzahler so sparsam wie möglich umgegangen werde und andererseits der größtmögliche Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger erzielt werden könne. Die inhaltlichen Grundlagen für die Initiative HESSENCAMPUS seien präzise formuliert, so dass der Start erfolgen könne; die konkrete Form, die schließlich die regionalen Zentren annehmen würden, sei allerdings noch offen. Er lade alle dazu ein, an diesem spannenden Unternehmen der gemeinsamen Gestaltung der Bildungszukunft teilzunehmen.
Einen besonderen Akzent setzten zwei langjährige Mitgestalter und Zeitzeugen für das Wisconsin Technical College System, Joan Jenstead und Robert Sorensen. Sie erläuterten insbesondere die enge und lebendige Verbindung der Technical Colleges mit ihren Communities, also mit den Regionen, die die Colleges als wichtiges Element der eigenen Stärke ansehen. Dennoch sind die Technical Colleges, die autonom handeln und volle Geschäftsfähigkeit besitzen, keine provinziellen Inseln, sondern wirksam in ein landesweites System lebensbegleitenden Lernens eingebunden, wobei der Akzent auf einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und ihren Verbänden liegt.
Die Mittagspause wurde auch genutzt, um in anregenden Gesprächen die Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten für die Zentrumsinitiativen des HESSENCAMPUS weiter zu diskutieren.
Drei Foren nahmen am Nachmittag das Motto „Eine Idee gewinnt Konturen“ für die drei zentralen Felder auf, in denen die Konzeptentwicklung der Zentren erfolgt: pädagogisch, organisatorisch und regional. Hans-Peter Hochstätter, Klaus Harney und Wilfried Kruse gaben jeweils mit einleitenden Überlegungen Stichworte für Podien und Teilnehmer. Die Podien waren so besetzt, dass Vertreter der Initiativen und Repräsentanten ihrer (potenziellen) Partner aus der Bildungs- und Institutionenlandschaft in Dialog miteinander treten konnten.
In allen drei Foren zeigte sich, dass Konturen sichtbar werden. So wurde in Hinblick auf die erforderliche pädagogische Qualität der Zentren noch einmal der zentrale Bezug auf das selbstverantwortete Lernen von Erwachsenen und diejenigen Arrangements hervorgehoben, die es besser als bisher ermöglichen. Weiterhin wurde die zentrale Bedeutung der engen Zusammenarbeit der Zentren mit den Ausbildungsbetrieben und Unternehmen - Lernort Betrieb - hervorgehoben. In Hinblick auf organisatorische Aspekte wurde deutlich, dass Integrationsansätze, die bei Vernetzung und Kooperation stehen bleiben, die Gefahr einer Unternutzung nicht nur der Infrastrukturen und Ressourcen, sondern auch der pädagogischen Potenziale der Zentren nach sich ziehen. In der Diskussion um die mögliche regionale Bedeutung der Zentren wurde hervorgehoben, dass die Zentren auch nach ihrem Ausbau niemals Alleskönner sein werden, sondern immer nur kooperativer Teil einer reichen und differenzierten regionalen Bildungs- und Beratungslandschaft. Das Potenzial der Zentren - im Austausch mit dieser Landschaft - könne allerdings zum Nutzen der Menschen und der Regionalentwicklung erst ganz „gehoben“ werden, wenn regionale Bildungspolitik zu einer wichtigen Größe werde.
Durch eine Vielzahl von Hinweisen aus den Beiträgen in den Foren zu noch offenen Fragen und aus den Kontroversen, die auch geführt wurden, wurde allen deutlich, dass man sich in der konzeptionellen Startphase der Zentreninitiative HESSENCAMPUS befindet. Es bleibt noch viel zu tun, damit am Ende des Jahres 2007 belastbare Grundkonzepte für die acht regionalen Zentren vorliegen können. Die aktive Rolle, die zahlreiche Mitglieder der regionalen Initiativen in der Moderation, in der Podiumsdiskussionen und den Foren sowie in der Berichterstattung während der Tagung spielten, demonstriert aber zugleich: Die Idee hat Fuß gefasst; sie wird engagiert und kompetent voran gebracht.
Die abschließende Podiumsdiskussion, die Jacqueline Vogt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung moderierte, führte eine Politikerin und zwei Politiker – alle aus unterschiedlichen Parteien – aus den Initiativregionen, nämlich Stadträtin Anne Janz aus Kassel, Landrat Burkard Albers vom Rheingau-Taunus-Kreis und Landrat Peter Walter, Kreis Offenbach, mit dem Vertreter des Kulturministeriums, Abteilungsleiter Dr. Heinrich Berthold zusammen. Zunächst machte die Runde noch einmal deutlich, dass die Profile der Initiativen in den Regionen unterschiedlich sind und vermutlich bleiben werden, dass aber die vertretene regionale Politik nicht nur die lokalen Ansätze, sondern die landesweite Initiative nachdrücklich begrüßt und unterstützt.
Allerdings fordert sie vom Land auch einen weitergehenden unterstützenden Beitrag ein, der vor allen Dingen den Handlungsrahmen für die eigenständige Gestaltung vor Ort sichern muss. Dr. Berthold ließ in seinem Beitrag trotz Verweis darauf, dass formal für die Zeit nach 2007 noch keine Entscheidungen getroffen seien, im Grunde keinen Zweifel daran, dass das Land die Initiative vermittels eines Stufenplans weiterführen und weiterfördern werde und dass vordringlich rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen seien, die den Zentren optimale Entwicklungsmöglichkeiten gäben.
Bis zum Abschluss des Jahresforums war der große Saal in Dr. Hoch’s Konservatorium im Bildungszentrum Ostend gut besetzt. Rege Diskussionen zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und die Interessenbekundungen an Mitarbeit lassen erwarten, dass die in 2007 begonnene Entwicklungspartnerschaft sich verbreitert und vertieft.