Weiterbildung
Ganz Hessen ein Campus
Von Jacqueline Vogt
08. Mai 2007
Die Aus- und Weiterbildung Erwachsener soll in Hessen anders geordnet werden. Dabei soll vor allem die bisherige Vielzahl nebeneinander existierender Angebote organisatorisch, inhaltlich und zum Teil auch räumlich zusammengefasst werden. Dies geschieht in einem Projekt mit dem Titel Hessencampus, an dem sich bislang acht hessische Regionen beteiligen, darunter Kassel, Frankfurt und der Rheingau-Taunus-Kreis (siehe Grafik).
Bis Oktober sollen Verantwortliche dieser Regionen nun erst einmal Konzepte zur Neuordnung vorlegen, das Land unterstützt die Planungsphase finanziell. Ziel der Initiative, die Ministerpräsident Roland Koch und Kultusministerin Karin Wolff (beide CDU) im Bildungszentrum Ostend in Frankfurt vorstellten, ist ein besseres Beratungsangebot über Weiterbildungsmöglichkeiten und gleichzeitig Einsparung durch die Einebnung der Doppelstrukturen. Das derzeitige Weiterbildungsangebot und seine Qualität, sagte Koch, reichten nicht aus.
„Zentren lebenslangen Lernens" geplant
In den Regionen sollen sogenannte „Zentren lebenslangen Lernens" entstehen. Eine vorgegebene Form gibt es nicht. In Kassel zum Beispiel wird im Großen und Ganzen ein organisatorisches Dach über bestehende Angebote privater und öffentlicher Träger gespannt. In Dreieich-Sprendlingen hingegen ist ein Schulzentrum im Bau, in dem unter anderem eine Grundschule, die Volkshochschule, eine Berufsschule und ein Abendgymnasium Räume, eine gemeinsame Geschäftsstelle und eine übergeordnete Rechtsform haben werden.
Im Bildungszentrum Ostend in Frankfurt, wo Koch und Wolff sprachen, fand ein vom Hessischen Kultusministerium ausgerichtetes Arbeitsforum zu dem Thema statt: Mitarbeiter von staatlichen, privaten und halbprivaten Trägern von Weiterbildungsangeboten sprachen über mögliche Auswirkungen des Vorhabens.
Während, wie es etwa aus dem Ministerium heißt, überwältigend viele an der Erwachsenenbildung beteiligte Pädagogen schon lange nach Änderung riefen, gibt es auch Kritik. Am Montag hatte in Frankfurt Karola Stölzel, stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zunehmende Bestrebungen kritisiert, das Bildungswesen betriebswirtschaftlich zu steuern.
200.000 Euro Zuschuss pro Region
Dies habe allein Kostenminimierung zum Ziel, und es sei zu befürchten, dass in naher Zukunft auch staatliche Angebote gebührenpflichtig würden. In verschiedenen Foren wiederholten einzelne Gewerkschafter solche Vorwürfe. Eine Repräsentantin der Industrie- und Handelskammer Frankfurt formulierte Bedenken, die berufliche Weiterbildung den Unternehmen aus der Hand zu nehmen.
Die Vielfalt und die Qualität der Weiterbildung sollten nicht in Frage gestellt werden, hatte zuvor Koch hervorgehoben. Weiterbildung werde immer wichtiger. Bildungsuchende litten aber derzeit unter ineffizienten Strukturen. Zukünftig müssten Unternehmen, Kammern, berufliche Schulen und Weiterbildungsträger im Interesse der Bürger zusammenarbeiten. Ein Arbeitnehmer zum Beispiel, der sich weiterbilden wolle, solle nur eine Adresse finden, unter der ihm Kursangebote genannt würden, ohne dass er „von Pontius zu Pilatus laufen" müsse. Das Land werde aber keinen Druck ausüben, sagte Koch. Initiativen für den Hessencampus zu entwickeln sei Sache der Regionen.
Das Kultusministerium, hieß es in einer Diskussion, werde weiterhin steuernd zur Verfügung stehen und wahrscheinlich eine Geschäftsstelle für den „Hessencampus" einrichten. Über ein weiteres finanzielles Engagement des Landes (2007 erhalten die acht beteiligten Regionen jeweils bis zu 200.000 Euro) sei hingegen noch nicht entschieden. Neben den acht Hessencampus-Kreisen haben elf weitere Interesse an dem Vorhaben bekundet.
Text: F.A.Z.
Wiesbadener Kurier - Vom 11. Mai 2007
Lernen in allen Phasen des Lebens anbieten
Im Oktober will Hessencampus Rheingau-Taunus ein Konzept vorstellen
Vom 11.05.2007
REGION Das Dickicht der Weiterbildung wird gelichtet. Hessencampus heißt das von der Landesregierung initiierte und mit zwei Millionen Euro geförderte Projekt, das die zahllosen Angebote nach dem Motto "Lernen in allen Lebensphasen" bündelt und vernetzt.
Von Cornelia Diergardt
Trainees, Stellenmärkte, Praktikumsbörsen, Um-, Fort- und Weiterbildung, Berufseinstieg und Branchenwechsel: Im Dickicht der Bildungsangebote ist der Überblick schnell verloren. Die Lösung heißt "Hessencampus - Lebensbegleitendes Lernen". Das meint die Landesregierung, die die Erwachsenen- und Weiterbildung in Hessen vernetzen sowie stärken und damit dem novellierten hessischen Weiterbildungs-Gesetz Rechnung tragen möchte.
Um ineffiziente Strukturen bei den Bildungseinrichtungen von Land, Kommunen und privaten Trägern aufzubrechen und die Angebote für Jung und Alt zu verbessern, macht Hessen für die in Deutschland einzigartige Initiative zwei Millionen Euro locker. Manche Betreiber von Bildungseinrichtungen sehen dem Hessencampus jedoch auch kritisch entgegen und sorgen sich um die mögliche Kürzung von Geldern, sollten Mehrfachangebote auf den Prüfstand kommen. So protestiert die Bildungsgewerkschaft GEW gegen die "Zwangsvereinigung" unter ausschließlich betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten.
Zu den acht Initiativen, die vor allem wegen des demographischen Wandels das "Lernen in allen Phasen des Lebens" ermöglichen wollen, zählt auch der Rheingau-Taunus- sowie der Main-Taunus-Kreis. Für den Rheingau-Taunus legen im Oktober Projektleiterin Antje Meinzer und Brigitte Harder, Leiterin der Volkshochschule, ein Konzept vor. Ein erster Schritt, der in einen hessenweiten Stufenplan mündet. Für das "Lebensbegleitende Lernen" werden unter anderem die Erwartungen und Bedürfnisse der Erwachsenen festgestellt und die verschiedenen Einrichtungen und ihr Equipment aufgelistet. In der Praxis kann das künftig bedeuten: Nachmittags leer stehende Schulräume werden genutzt, Partner aus der Wirtschaft vermittelt und wo Werkzeug und Laboreinrichtungen in der Region zu finden sind, können Mitarbeiter des Hessencampus dank einer Übersicht künftig prompt beantworten.
Näheres steht im Internet unter www.hessencampus-Rheingau-Taunus.de und www.hessencampus-mtk.de. In Taunusstein ist Antje Meinzer unter 06128/927747 und in Hofheim Edeltraud Moos-Czech unter 06192/990135 zu erreichen.
Artikel-Link: http://www.wiesbadener-kurier.de/region/objekt.php3?artikel_id=2821955
Frankfurter Rundschau - 21. Mai 2007
Hessen will Bildungszentren schaffen
Ministerpräsident Koch stellt das Projekt "Hessen-Campus" vor / GEW protestiert gegen "Zwangsvereinigung"
Volkshochschulen, Berufs- und Abendschulen für Erwachsene sowie private Einrichtungen in ganz Hessen sollen zu Bildungszentren zusammengefasst werden. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) erwartet davon mehr Qualität in der Weiterbildung und eine bessere Nutzung von Räumen, Maschinen und Lehrkräften.
von Peter Hanack
Frankfurt - "Die Erwachsenenbildung in Hessen genügt nicht den Anforderungen an Qualität und Quantität, die wir in Zukunft benötigen", sagte Koch am Dienstag auf einer Fachtagung in Frankfurt. Vor allem die Veränderungen in der Berufswelt machten es nötig, dass sich Menschen ein Leben lang weiterentwickeln müssten. Die Bedeutung von Weiterbildung werde "immens zunehmen". Deshalb sollen im ganzen Land unter dem Namen Hessen-Campus "Zentren für lebensbegleitendes Lernen" entstehen.
Darin sollen Volkshochschulen, Berufs- und Abendschulen zusammengefasst werden. Auch Bildungseinrichtungen von Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen und Verbänden sowie anderer freier Träger könnten sich beteiligen. Sie sollen Räume und Ausstattung gemeinsam nutzen, Personal austauschen und zusammen Angebote entwickeln. Dort sollen Fremdsprachenkenntnisse ebenso erworben werden können wie Berufs- und Schulabschlüsse oder Zusatzqualifikationen für den Beruf.
Kultusministerin Karin Wolff (CDU) trat Befürchtungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) entgegen, bisher kostenlose Leistungen wie die nachgeholten Schulabschlüsse könnten gebührenpflichtig werden. "Dies ist nicht beabsichtigt, es bleibt bei dem öffentlichen Bildungsauftrag der staatlichen Schulen", sagte sie der Frankfurter Rundschau am Rande der Tagung. Stattdessen könnten dort, wo es bisher parallele Angebote gebe, die Kräfte gebündelt werden und Zusatzleistungen wie Sprachzertifikate geschaffen werden.
Ministerpräsident Koch appelierte an die Teilnehmer der Fachtagung, sich "auf ein Abenteuer einzulassen". Noch wisse niemand genau, wie sich die Zusammenarbeit entwickeln werde. Es sei aber sicher, dass mehr Qualität nur durch eine Vernetzung erreicht werden könne. Zurzeit entstehen an acht Orten in Hessen "Zentren des lebensbegleitenden Lernens". Weitere zehn Regionen, so Ministerin Wolff, hätten sich um eine Teilnahme beworben. Das Land stellt je Standort bis zu 200 000 Euro zur Verfügung, weitere 400 000 Euro gibt es für die wissenschaftliche Begleitung.
Die Tagung im Bildungszentrum Ostend war begleitet von Protesten der GEW, die die Mitbestimmungsrechte der Mitarbeiter verletzt sieht. Bildung werde durch die "Zwangsvereinigung" unter ausschließlich betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu einer käuflichen Ware gemacht. Außerdem warnte sie vor einer "Absenkung des Qualifikationsniveaus der Ausbilder und Lehrkräfte".
Artikel-Link: http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/lokalnachrichten/aktuell/?em_cnt=1131551